Die vergessenen Geflüchteten an der bosnischen Grenze




Dringender Hilfeaufruf: WiN-Mitarbeiterin Kristina Koch berichtet über die vergessenen Geflüchteten an der bosnischen Grenze


"Ich war gerade an der bosnisch-kroatischen Grenze. In einer bosnischen Stadt, die Bihać heißt. 18 Kilometer von Kroatien entfernt. Dort gibt es vier Lager für Geflüchtete. Ungefähr 9.000 Leute sind da untergebracht. In Bihać selbst leben 60.000 Menschen. Schöner Ort an einem Fluss und See, hab ich schon mal Urlaub gemacht. Vielleicht habt Ihr von den Zuständen der Geflüchteten dort gelesen oder gehört. Drei Lager sind die übliche Misere. Das vierte ist eine Katastrophe. Darum geht es mir hier besonders: Damit es in der Stadt ruhig bleibt, hat die Polizei im Juni begonnen, Menschen auf eine ehemalige Mülldeponie zu transportieren. An einem Ort, der Vucjak heißt, der aber kein Ort ist, sondern nur eine Müllhalde. Ich war da. Man fährt aus der Stadt heraus, zehn Kilometer in Serpentinen hoch auf einen Berg, dann enge Schotterstraße, Büsche. Am Ende des Weges steht ein Container, in dem Polizisten rumhängen. Dahinter die zugeschüttete Müllhalde. Hier hausen mehr als 900 Menschen. Dahinter ist nichts, der Berg fällt steil ab, Sackgasse.



Eigentlich sollte das erstmal geheim bleiben. Aber ein Bekannter von mir, der über die geflüchteten Menschen in Bihać berichten wollte, sah im Juni, wie Leute von der Straße in einen Bus gedrängt wurden. Er fuhr hinterher und landete mit ihnen an diesem unfassbaren Ort. Da gab es noch keine Zelte, keine Betreuung. Viele der Menschen waren verletzt; von kroatischen Grenzern verprügelt, angeschossen. Er hatte nur ein Mini-Notfallset dabei, verarztete notdürftig, kaufte in den folgenden Tagen von seinem Geld mehr Kram, immer mehr Leute wurden hergebracht. Junge Männer und Familien. Mit Krankheiten und Verletzungen. Bis es 900 Menschen waren. Anfangs nannte er sich und seine paar Geräte noch aus Spaß Ambulanz. Irgendwann wurde aus Dirk, dem Journalisten, der Arzt von Vucjak. Und das Sprachrohr für die Geflüchteten. Vermittler zwischen allen Fronten, Polizei, dem Roten Kreuz Bihać, Geschäften in Bihać und so weiter. Er haust da mit ihnen, isst den gleichen Fraß. Hat sich am Telefon die Grundlagen der Medizin erklären lassen. Dazu jeden Tag zwei Stunden Medien und Politiker informieren und updaten.

Unten in Bihać fragen wir einen Sicherheitsmann nach einem deutschen „Arzt“. „Meint Ihr Dirk?“ Als wir ankommen, streift Dirk gerade Gummihandschuhe ab. Kommt direkt von einer Operation an einem Bein. Auf einer verdammten Müllhalde. Er hat nun ein Zelt, in dem er Infusionen, OPs usw. durchführen kann.

Dirk, der aus Dortmund kommt, erzählt uns in Kurzform, wie er hier gelandet und wie die Lage momentan ist. Nach all den Monaten hier am Ende von Bosnien wirkt er immer noch wütend und gewillt die Sache so lange selbst in die Hände zu nehmen, bis sich EU, Regierungen, große Organisationen für die Menschen und die Gesetzesbrüche der Behörden und Polizei eines Tages interessieren. Ein Supertyp, freundlich, realistisch, fokussiert. Dann muss er noch schnell zu Ende operieren.

Es gibt jetzt auch Großzelte, in denen Dutzende Menschen zusammen auf dem Waldboden leben. Das soll die Vorbereitung des Red Cross Bihać auf die Regenzeit und den Winter sein. Das lokale Rote Kreuz hilft, aber den Großteil haben einzelne Menschen getan: Sie spenden zum Beispiel Geld. Dirk braucht jeden Tag 500 Euro, um das Arztzelt aufrecht zu erhalten. Ein Bus aus Österreich brachte EKGs. Ein slowenischer Soldat hilft ein paar Tage mit. Von der Uniklink Essen kamen Leute. Eine Krankenschwester aus Bayern kommt übers Wochenende, eine Kinderärztin aus Budapest. Zum Zuckerfest hat der Bürgermeister von Bihać ordentliches Essen gespendet, vereinzelte Bewohner sind wohl gesonnen. Kleine Initiativen aus Deutschland bringen Decken und anderen Kram. Alle im Camp haben Angst vor dem Winter