Interview: K. Koch v. WiN mit Aachener Netzwerk f. human. Hilfe u. interkulturelle Friedensarbeit

14. Dezember 2020 Helmut Hardy




Interview: Kristina Koch

Kristina Koch ist in Köln aktiv, genauer gesagt: in Nippes. Nicht nur durch die geo­grafische Nähe hat sich eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen unseren Vereinen entwickelt. Grund genug, sie näher zu befragen.

Helmut Hardy (HH): Kristina, euer Verein heißt „Will­kommen in Nippes“. Wo ist denn Nippes? Wer ist „Willkommen“? Und wieso nicht „Willkommen in Köln“? Kristina Koch (KK): Nippes ist ein Stadtbezirk von Köln. Nicht weit vom Zentrum entfernt. Urkölsch und multikulturell zugleich. Ab Ende 2014 wurden dort viele Geflüchtete unter­gebracht. In Nippes gab es über ein Dutzend Notunterkünfte. Eine davon eine Turnhalle. Heute ist noch eine Unterkunft davon bewohnt. Daraufhin gründeten 2015 einige engagierte Privatpersonen die Initiative „Willkommen in Nippes“, kurz WiN. Ich bin kurz danach hinzugekommen. Wir waren zunächst Anlauf­stelle für die neuen Bewohner im Viertel. Haben uns in Cafés getroffen, privat oder im Park – wie so viele andere Willkommensinitiativen auch. Wir sind auch in die Camps gegangen und haben dort Beratung und Sprachkurse durchgeführt. Mich hat z.B. diese Turnhallen­unterkunft mit 200 Männern echt fertig gemacht. Mir war es wichtig, dass diese Leute genug Infos und Kontakte bekommen, um schnell da raus zu kommen und ihren Weg zu gehen. Und jemanden haben, der ihnen zuhört. Einer der Bewohner, mehrfacher syrischer Meister im Karate, hat Anschluss in einem Nippeser Karate-Verein gefunden und ist schon Dritter bei den Deutschen Meisterschaften geworden. So was wäre ohne Kontakt und Interesse nie geschehen. Und wir haben noch mehr solcher Geschichten… Andere der früheren Turnhallen-Bewohner*innen gehören zum Willkommen in Nippes-Team, auch wenn sie schon lange nicht mehr in Nippes leben. HH: Ihr habt ein eigenes Haus – kostet das nicht Unsummen? KK: 2017 hat uns die evangelische Gemeinde Köln-Nippes sehr schöne Räumlichkeiten überlassen, das WiNHaus International. Das ist das Herz der Initiative, wo alle Fäden zusammenlaufen. Eine zweistöckige Wohnung mit vielen Räumen zum Lernen, für Gespräche, Ruhe oder zum Feiern, mit Balkonen, Küche, Fahrradwerkstatt, Spendenlager und vielem mehr. Wir – die neuen und alten Nachbar*innen – betreiben das Haus wie eine WG. Die Kooperation mit der ev. Gemeinde ist ein großes Glück, sie unterstützt uns auch finanziell und noch auf anderen Ebenen. Mittlerweile werden unsere Angebote von Leuten aus ganz Köln und manchmal aus anderen Städten genutzt. Nicht nur von geflüchteten Menschen, auch von anderen, die sich orientieren wollen und Hilfe brauchen. Wir setzen uns für die Rechte und die Menschen­würde von Geflüchteten und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ein. HH: Habt ihr Pläne für die nähere Zukunft? KK: Wir planen in der Tat schon wieder was Neues. Wir haben sehr viel gelernt in den Jahren und würden unsere Angebote und auch die Zielgruppe gerne noch weiter öffnen. Von einigen Geflüchteten kam der Wunsch, etwas zurückzugeben. Deshalb steht gerade ein Projekt an, das zwar weiterhin Menschen mit und ohne internationale Geschichte zusammen­bringen soll. Wir wollen jedoch das System Helfer und Geflüchtete aufbrechen. Und gemein­sam etwas auf die Beine stellen, an dem jeder teilhaben kann. Dann kann es auch gern „Willkommen in Köln“ oder einfach nur „Willkommen“ heißen. Der Gedanke ist, Raum für Diversität zu schaffen. Wir haben als Gemein­schaft so viele verschiedene interes­sante Ressourcen und Perspektiven. Diese Diversität zu nutzen und zu leben ist unser Wunsch und soll der Inhalt des neuen Projekts sein. Jetzt suchen wir eine zentrale Immobilie und Unterstützer, die uns bei der Finanzierung helfen. Freue mich über Ideen! HH: 2015 waren „alle Flüchtlinge“ will­kommen. Seitdem hat sich viel getan. Kannst du gewisse Phasen feststellen und beschreiben? KK: Ein Einschnitt war diese Silvesternacht in Köln. Danach hatte man alle, aber insbe­sondere Nordafrikaner, kritischer beäugt. Bei WiN haben wir davon nichts gemerkt, aber ich glaube, das hat der Willkommenskultur einen Knacks verpasst. Die EU setzt heute viel stärker als 2015 auf eine Abschottung ihrer Außengrenzen. Immer wieder beschließen die Staats- und Regierungs­chefs, die Grenzen für Flüchtende undurchlässiger zu machen. Das Ziel der gemeinsamen Migrationspolitik ist Abwehr. So kommen natürlich kaum noch Menschen bei uns an. Stattdessen hängen sie auf dem Mittel­meer, auf den griechischen Inseln und auf der Balkanroute fest. Dass sich in den elenden Lagern an den EU-Außengrenzen nichts tut, ist ganz bewusste und offensichtlich gestaltete Abwehr. Da werden einschlägige Konventionen und europä­isches Recht verletzt. Die deutsche Regierung wartet auf eine “europäische Lösung”, während sie die humanitäre Notsituation der Menschen ignoriert. Dass man überhaupt die Aufnahme der paar Dutzend Kinder aus Griechenland in NRW erwähnen muss, ist beschämend. Also das Gegenteil von 2015. Auf „Willkommen in Nippes“ hat sich diese Entwicklung auch ausgewirkt: Wir haben einen Förderverein gegründet, damit wir z.B. Fundraisings durchführen und auch an den internationalen Hotspots helfen können. Wir haben ein Ärzteteam auf Samos unterstützt. Projekte für Idlib/Syrien und Bihać/Bosnien haben wir auch durchgeführt. Alles, was in Köln geht, nehmen wir natürlich auch mit: Im Juli waren wir Mitgestaltende einer Leave No One Behind-Aktion mit Offenem Brief an den deutschen Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft.


HH: Wie haben sich eure Angebote verändert? Was habt ihr 2015 angeboten, was heute? KK: Viele unserer Angebote von damals existieren noch heute. Zum Beispiel ist unsere Beratung mit Rechtshilfe nach wie vor sehr gefragt. Es sind neue Themen dazu gekommen: Neben Asylverfahrensthemen geht es jetzt auch mal um Inkasso- oder Steuer­sachen. Die Form der Sprachhilfe hat sich verändert: Deutschkurse haben sich zu Sprachpatenschaften entwickelt: also private Nachhilfe, Sprachtandems und Vorbereitungen auf spezielle Prüfungen: Zwei unserer ehren­amt­lichen Lehrerinnen haben sich auf medizinische Fachprüfungen spezialisiert. Auch kleine Runden, in denen nur geredet wir, sind beliebt. Was einerseits zeigt, dass die Leute glücklicherweise in Schulen oder Ausbildungen stecken. Aber auch, wie wenig Optionen sie haben, außerhalb der Schule Deutsch zu sprechen. Irgendwo in unserem Haus sitzen jedenfalls immer Leute, die irgendwas lernen. Neuerdings boomen auch Englisch- und Mathe-Nachhilfe. Neu dazugekommen sind (kostenlose) Arabisch­kurse – geleitet von einem Iraker und einem Syrer. Die machen viel Spaß und vermitteln auch Einblicke in die arabi